Claßen, Thomas: Naturschutz und vorsorgender Gesundheitsschutz: Synergie oder Konkurrenz? : Identifikation gemeinsamer Handlungsfelder im Kontext gegenwärtiger Paradigmenwechsel. - Bonn, 2008. - Dissertation, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
Online-Ausgabe in bonndoc: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:5N-14750
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Menschen haben ihre Lebensumwelt schon immer genutzt und gestaltet. Dabei bezwangen sie eine Reihe natürlicher Gesundheitsrisiken über technologische und hygienische Fortschritte mit positiven Folgen für die menschliche Gesundheit. Im Gegenzug verursacht der nicht nachhaltige Umgang mit natürlichen Ressourcen neue Gesundheitsrisiken. Heutzutage werden z.B. Klimawandel, degradierte Wasserressourcen, Ausbreitung und Wiederkehr von infektiösen Krankheiten, Biodiversitätsverlust sowie Luft- und Lärmbelastungen in der urbanen Lebensumwelt als erhebliche Gefahren für zukünftige Generationen erachtet. Zur Gefahrenminderung, aber ebenso zum Erhalt salutogener, gesundheitsförderlicher Umweltbedingungen, wird dem Natur- und Ressourcenschutz in der internationalen Diskussion inzwischen ein hoher Stellenwert im Rahmen des vorsorgenden Gesundheitsschutzes zugeschrieben. In Deutschland haben diese beiden umfassenden Disziplinen und Handlungsfelder in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen deutlichen Wandel vollzogen:
- Der Naturschutz versteht sich - von Ausnahmen abgesehen - zunehmend als inter- und transdisziplinäres gesellschaftspolitisches Handlungsfeld zur Sicherstellung einer nachhaltigen Ressourcenbewirtschaftung, favorisiert hierzu partizipatorische Ansätze anstelle von ordnungsrechtlichen Maßnahmen und sucht zur Imageaufbesserung neue Kooperationspartner.
- Der vorsorgende Gesundheitsschutz muss sich einer Vielzahl neu bewerteter, zum Teil umweltbedingter Risiken und einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen stellen. Im Zuge der Risikominderung sowie der Weiterentwicklung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen erfolgt eine zunehmende Öffnung gegenüber den Umweltdisziplinen.
Diese Entwicklungen resultieren aus zum Teil international wie national kontrovers diskutierten Erfahrungen und Lernprozessen in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Heutzutage ist beiden Handlungsfeldern der Anspruch (nicht gleichbedeutend mit der Umsetzung) einer ganzheitlichen Betrachtung des Mensch-Natur-Systems gemeinsam. Verschiedene inter- und transdisziplinäre Handlungsfelder wie die Natur- und Wahrnehmungspsychologie, Medizinische Geographie (bzw. Geographie der Gesundheit), Naturheilkunde, die Ökosystem- und Biodiversitätsforschung, die ökologische Gesundheitsförderung sowie der Gesundheitstourismus thematisieren seit mehr als einem Jahrzehnt die enge Verzahnung von Natur und Wohlbefinden bzw. Gesundheit. Auch die Werbebranche hat diese stark emotional besetzte Verbindung aufgegriffen. Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass in Deutschland die potenziellen Verbindungen zwischen Naturschutz und vorsorgendem Gesundheitsschutz in Wissenschaft, Politik und Planung bislang jedoch wenig Beachtung gefunden haben.
Zielsetzung
Die vorliegende Arbeit untersucht aus einer salutogenetisch orientierten, medizinisch-geographischen Perspektive bisherige Forschungs- und Handlungsfelder von Naturschutz und vorsorgendem Gesundheitsschutz systematisch auf bestehende inhaltlich-konzeptionelle Synergien und mögliche Synergiepotenziale. Sie hat das Ziel, gemeinsame Handlungsfelder in Wissenschaft, Politik und Planung zu identifizieren und für den Naturschutz, den vorsorgenden Gesundheitsschutz und weitere Querschnittsbereiche besonders förderliche Forschungs- und Handlungsoptionen zu benennen.
Methode
Im Zentrum der Studie stand neben der Analyse des wissenschaftlichen Diskurses und der Abschätzung der Wahrnehmung in der Bevölkerung eine bundesweite postalische Befragung von 158 Meinungsbildnern, Entscheidungs- und Handlungsträgern des Natur- und Gesundheitsschutzes und weiterer interdisziplinärer Arbeitsfelder mittels standardisierten Fragebogens. Die Ergebnisse wurden deskriptiv-statistisch ausgewertet und einer Hauptkomponentenanalyse unterzogen. Ferner erfolgten mit 18 Experten vertiefende Interviews mittels eines teilstrukturierten Leitfadens. Die Interviews wurden qualitativ ausgewertet und die Stellung der Experten in einem Akteursnetzwerk modelliert. Mit Hilfe dieser Verfahren war es möglich, ein detailliertes Stimmungsbild über die unterschiedlichen Disziplinen zu erhalten und Kommunikationsbarrieren zu identifizieren, um schließlich Konzepte, Strategien und Handlungsfelder hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen für eine Verknüpfung von Naturschutz und vorsorgendem Gesundheitsschutz bewerten zu können.
Ergebnisse
Die gesellschaftliche Wahrnehmung der Thematik ist zweigeteilt. Während Verbindungen zwischen Natur und Gesundheit im Alltag allgegenwärtig sind, werden konkrete Naturschutzmaßnahmen kritisch betrachtet und nur in Ausnahmefällen (z.B. Trinkwasserschutz) mit vorsorgendem Gesundheitsschutz assoziiert. Der Naturschutz als Globalschutz (z.B. Schutz der Biodiversität, Klimaschutz) hingegen wird sehr wohl als mittelbarer Schutz der menschlichen Gesundheit wahrgenommen.
Der wissenschaftlich-konzeptionelle Diskurs behandelt ausführlich die Mensch-Natur-Beziehung und zeigt Bezüge zwischen dem "Faktor Natur" (als Leistungsträger und Ressource) und Gesundheit bzw. Wohlbefinden auf. Bezüge zwischen dem expliziten Schutz der Natur und einer unmittelbaren gesund-heitlichen Bedeutung beschränken sich hingegen - von wenigen Ausnahmen der vergangenen Jahre abgesehen - auf die internationale Ressourcenschutz- und Nachhaltigkeitsdiskussion. Es wurden jedoch auch einige vielversprechende Ansatzmöglichkeiten (z.B. ökologische Gesundheitsförderung, therapeutische bzw. gesundheitsförderliche Landschaften, EcoHealth) identifiziert.
Die postalische Befragung zeigte, dass die Akteure der untersuchten fünf Arbeitsbereiche (Natur-/Umweltschutz, Gesundheit, Umwelt & Gesundheit, Stadt-/Regionalentwicklung, Kommunalverwaltung) grundsätzlich der Thematik aufgeschlossen gegenüberstehen, insbesondere in den Querschnittsthemen Umwelt & Gesundheit sowie Stadt-/Regionalentwicklung. In den hier besonders relevanten Arbeitsbereichen Natur-/Umweltschutz und Gesundheit waren die Reaktionen insgesamt verhaltener, wobei Antwor-tende des Natur-/Umweltschutzes Potenziale einer konzeptionellen Verbindung der Schutzstrategien häufig deutlich geringer einschätzten als alle anderen. Als Grund hierfür kristallisierte sich zum einen die Geringschätzung der eigenen Stärken und zum anderen die persistierende Sichtweise des Naturschutzes als ethisch begründeter Selbstzweck zumindest bei einigen Befragten heraus. Darüber hinaus wurden insbesondere in den Interviews als grundsätzliche Schwierigkeit die klaren Ressortzuständigkeiten und Kompetenzverteilungen sowie die resultierenden strukturellen horizontalen wie vertikalen Kommunikationsbarrieren betont.
Schlussfolgerung
Aufbauend auf den abgeleiteten Handlungsempfehlungen gilt es nun, bestehende Forschungsfelder zu stärken, weitere Handlungsfelder zu identifizieren, im intensivierten Dialog Konkurrenzsituationen abzubauen und Synergien zu fördern. Denn der Naturschutz und der vorsorgende Gesundheitsschutz sind in Wissenschaft und Politik für strategische Allianzen prädestiniert, die es zu nutzen gilt.},

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